Dienstag, 17. Februar 2015

Im Krankenhaus



Diesen Krankenbesuch werde ich nicht vergessen. Mein Großvater wird 90 Jahre alt, meine vierjährige Tochter Anni und ich betreten das Klinik-Zimmer. Im ersten Bett ein alter, schlafender Mann. Daneben ein alter, schlafender Mann. Im dritten Bett unser Großvater – ein alter, schlafender Mann. Wir versuchen, ihn sanft zu wecken. Aber er wacht nicht sofort auf. Anni dreht sich auf dem Absatz um, zieht mich aus dem Zimmer, wirft die Tür ins Schloss, schreit und jammert: „Schlafen wir alle so fest, wenn wir alt sind? Mama, lass uns bitte nicht alt werden, ja!“ Zurück ins Krankenzimmer? Auf keinen Fall!


Nichts bereitet uns mehr Unbehagen, als mit unserer Sterblichkeit konfrontiert zu sein. Da macht es keinen Unterschied, ob wir vier oder 44 Jahre alt sind. Die Angst bleibt immer die gleiche. Unser Umgang mit ihr ist das, was uns unterscheidet. Ich kann die Tür zuschmeißen, den Kloß im Hals runterschlucken. Und weiter so tun, als wäre alles für die Ewigkeit. Oder ich lasse das dumpfe Gefühl der Ohnmacht einfach da sein. Akzeptierend, das alles was lebt auch wieder geht. Was könnte dem Jetzt mehr Bedeutung schenken?


Annis Hand in meiner. Ich sage: „Alle fühlen das, was Du jetzt fühlst. Schau hin: Was würdest Du wollen, wenn Du an Opas Stelle wärst?“ Anni: „Dass jemand da ist und meine Hand hält. So wie Du jetzt.“ 


Danach haben wir gemeinsam Geburtstag gefeiert.

Dienstag, 20. Januar 2015

Stille im Auge des Sturmes



Ist alles ruhig, fühle ich mich großartig. Das Leben plätschert so dahin, die Familie ist gesund, das Studio läuft. In diesen Momenten bin ich überzeugt, dass mich Yoga und die Meditation tiefenentspannen und ich auf dem Weg gut vorankomme. 

Aber wehe, wenn sich plötzlich und wie immer unerwartet ein Sturm zusammenbraut! Gerade war es wieder soweit. Ein freier Abend, nur wir zwei, sogar ohne Kind. Die Kerze ist an, das Essen steht auf dem Tisch… Und dann: ist von einem Augenblick zum nächsten alles anders. Unser Hund August windet sich vor Schmerz, spuckt und wimmert. Alle Anzeichen deuten auf eine Magendrehung hin. Davon hatte er schon zwei. Eine dritte Not-OP – das wäre sein Ende.
Nach fünf Minuten sind Herr und Hund auf dem Weg zum Tierarzt – und ich allein in der verwaisten Küche. Ich laufe hin und her, gucke aufs Telefon, setze mich, stehe wieder auf, schaue aus dem Fenster, sehe nur Dunkelheit. Ohne es zu merken beginne ich diesen sinnlosen Ablauf immer wieder von neuem und lasse mich komplett von meinen Gedanken mitreißen: Werde ich mich noch verabschieden können oder wird er es nicht einmal bis in die Klinik schaffen? Wo werden wir ihn begraben? Ach, war das schön, als August noch ein Welpe war! Wie wird unser Leben sein ohne diesen ewig schnarchenden Riesen?

Mein Kino im Kopf macht die Angst immer größer. Und das Selbst-Mitleid auch. Ich fühle mich einfach nur jämmerlich. Trotzdem ist da noch Platz für einen einzigen hellen Gedanken: Verdammt noch mal! Setz Dich endlich auf dein Kissen und beobachte, was in deinem Hirn passiert! 

Meditation macht den Kopf leer? Was für ein Quatsch! Meine Gedanken rattern und rennen. Aber etwas Wesentliches ist anders: Ich rattere und renne nicht mit. Stattdessen spüre ich den Atem und entscheide mich bewusst, ein Zuschauer meines eigenen Films zu bleiben. Das ist einfach, aber keineswegs leicht. Und doch ist es das Beste, was mir je im Auge eines Sturmes eingefallen ist. Ich werde ganz ruhig und fühle, dass jedes Hirngespinst kommt und auch wieder geht. Egal, was da aufploppt, es hat hier und jetzt nichts mit meiner Realität zu tun. Denn da sitze ich und atme.

30 Minuten später der Anruf: August geht’s gut. Sein Magen war nicht verdreht, nur verstimmt. Egal, wie sanft das Leben plätschert. Ich werde auch in Zukunft sitzen und atmen. Denn der nächste Sturm kommt bestimmt.

Martha lächelt dem Tod ins Gesicht




Den Tod können wir gut ertragen - solange er noch weit genug weg ist. Sterben tun nur die anderen. Wir kennen uns aus: Heftige Bilder gibt es im Fernsehen schließlich genug. Und außerdem haben wir ja noch unendlich viel Zeit...

Ich bin aufgewacht, als mein Vater starb. Plötzlich hat die Vergänglichkeit mir ihre eisige Hand gereicht. Ich war wie paralysiert. Und ehrlich gesagt, in dieser Angststarre war ich niemandem eine Unterstützung. 


Deswegen sitze ich heute, einige Jahre später, in einem buddhistischen Seminar über den Tod. Neben mir eine junge, attraktive Frau mit schwarzer Strickmütze. 34 Jahre alt. Ich Lächeln ist unendlich lebendig. Ihr Körper: dem Ende ganz nah. Martha hat Krebs, der inzwischen bis in die Leber streut. Es geht nicht mehr um Heilung, nur noch um Lebensverlängerung. Und trotzdem ist da keine Spur von Angst, keine Verzweiflung. Dafür Vertrauen und eine bedingungslose Freundlichkeit, dem eigenen, immer schwächer werdenden Körper gegenüber. Die Meditation ist ihr Weg durch den Schmerz. Den Atem beobachten, hinschauen, die destruktiven Gedanken vorm inneren Auge sehen, aber nicht einsteigen. Nicht zulassen, dass der Geist die restliche kurze Lebenszeit zur Hölle macht.
Jeden Tag trainiert sie, die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Warum? Weil sie das Leben liebt. Sie sagt, das Schlimmste sei, wenn die Leute ihr rieten, sie solle kämpfen. "Gegen wen soll ich denn in die Schlacht ziehen? Gegen meinen eigenen Körper?" Stattdessen will sie jeden Tag, der ihr noch bleibt, so bewusst wie möglich erleben. Ohne allem eine Bewertung drüber zu stülpen - gut oder schlecht, falsch oder richtig, gerecht oder ungerecht. 


Martha hat verstanden, was wir noch verdrängen: Nichts dauert ewig. Unser Körper ist ein Hotel, aus dem wir einmal wieder werden ausziehen müssen. Manche früher, andere später. So wie jede Blume welkt und jeder noch so stabile Baum irgendwann dem Sturm zum Opfer fällt. Martha, danke, dass Du da bist! Dein Lächeln ist mir die wichtigste Lektion!
www.mandalayoga.de

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Vom Problem, einfach mal den Mund zu halten


Einfach mal still sein. Keine tiefschürfenden Gespräche. Kein Geplapper. Gar nichts. Ich sehne mich nach Ruhe. Aber bin ich deswegen auch in der Lage zu schweigen? Weder als Yogalehrerin noch als Mama einer neunmalklugen Vierjährigen ist eine Zeit ohne Worte auf der Tagesordnung.

Klar, ein paar Minuten sind kein Problem! Aber 24 Stunden? Während meiner Auszeit im Buddhistischen Zentrum mache ich den Versuch. Ziemlich unsicher stecke ich mir den "Ich schweige"-Anstecker an den Pullover.

Und zack! Die erste Irritation lässt nicht lange auf sich warten. Ich fühle mich unbehaglich. Kein "Guten Tag" darf über meine Lippen, nur ein diskretes Nicken. Der Augenkontakt ist plötzlich die einzige Verbindung zu den anderen. Mein Fluchtinstinkt setzt ein. Wie eine Schleichkatze husche ich durchs Kloster. Bloß keinem Bekannten in die Arme laufen! Ich meide jeden Raum, aus dem ich Stimmen höre. Nicht, dass es in diesem Haus der Stille besonders laut wäre. Und doch kommt es mir in diesem Moment so vor. Kaum entschließe ich mich zu schweigen, bin ich sensibilisiert für alle möglichen Töne, die sonst vermutlich an mir vorbeigingen. Ein angeregtes Gespräch über gierige Manager, ein fröhlicher Disput über Wollpflege in der Waschküche, im Korridor werten zwei Damen das November-Wetter aus. Ich höre die Heizungen knacken und den Regen aufs Dachfenster trommeln.

Der größte Krach spielt sich allerdings nicht draußen ab, sondern in meinem Kopf. "Mach' doch mal kurz das Telefon an, sicher muss Dich jemand dringend erreichen!" Oder: "Ah, ein Gespräch über Muskelentspannung, also dazu hätte ich nun wirklich auch etwas zu sagen!" Mein innerer Kommentator gibt nicht auf, er ruft sich ins Gedächtnis - mit jeder Schweige-Minute ein bisschen lauter.

Übertönt wird er schließlich nur noch von meinem Magen. Fällt mein kleines, privates Schweigegelübde nun schnöde meinem Appetit zum Opfer? Im Speisesaal lächle ich den anderen tapfer zu, setze mich mit meinem gefüllten Teller an den einzigen leeren Tisch. Und während nebenan geplaudert wird, passiert es: Plötzlich ziehen die Wortfetzen unbehört an meinem Ohr vorbei. Dafür schmecke ich jede einzelne Nuss in dem frischen Brot, bemerke die feine Schärfe im Salatdressing und das herrlich-säuerliche Aroma der Apfelstückchen. Plötzlich ist es weg, das Gefühl, dass Schweigen trennt. Im Gegenteil: Ich entspanne mich und tauche ein in den stillen Raum der intensiven Erfahrung. Ich bin ganz da. Und bleibe. Auf jeden Fall weitere 24 Stunden.

Waldlauf mit Hindernissen

Heute beim Waldlauf: Des Nächtens abgeladener Müll bei Kilometer eins. Ein paar Schritte weiter hat einer sein Tapeziergut in den Büschen entsorgt. Noch ein paar Minuten, dann ist es mit meiner guten Laune endgültig vorbei: ein Staubsauger direkt an einem Wanderweg. Ich keuche, weniger vor Anstrengung, mehr vor Wut. Spinnen die? Jetzt produziere ich den Müll – Gedankenmüll. Statt entspannt in den Tag zu laufen, jongliere ich im Geist mit den widerwärtigsten Beschimpfungen. Das Ergebnis: Ich bin auf 180. Und renne mit Tempo in die Übellaunigkeit. Aber bevor ich den nächstbesten friedlichen Waldspaziergänger anpöble, ziehe ich die Notbremse. Ich folge meiner Ein- und Ausatmung. Und ich komme immer wieder zu dieser Melodie zurück, wenn das Hirn wieder böswillig mitmischen will. Und plötzlich wird der Waldlauf doch noch zum Training. Zum Training des Geistes. Die anderen können wir nicht ändern. Uns selber schon. Ich übe weiter, im Wald und auf der Yogamatte. Damit mir meine Gedanken nicht den Tag zumüllen.

Kennt Ihr das? Der Tag ganz friedlich und plötzlich ist die schlechte Laune da! Wie helft Ihr Euch bei Wut oder schlechter Laune?

Bis ganz bald, Beate